21Jul2017 DD

"Design Thinking ist mehr als nur ein kreativer Prozess"

Interview mit Prof. Markus Heckner zum Workshop am 5.9.2017

Markus Heckner ist Professor für Medieninformatik an der OTH Regensburg.

Design Thinking ist mittlerweile mehr als nur ein kreativer Prozess. Was ursprünglich als Innovationsmethode für Produkte und Services in Stanford entwickelt wurde, avanciert heute zu einer ganz neuen Art, den Menschen in Bezug zur Arbeit zu sehen, das Konzept der Arbeit zu denken und zu fragen, wie wir im 21. Jahrhundert leben, lernen und arbeiten wollen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Digitalisierung.

In einem 2-tägigen Intensivworkshop lädt Prof. Markus Heckner alle Interessierten ein, sich die Grundlagen dieser Innovationsmethode anzueignen. Im Vorfeld haben wir mit Prof. Markus Heckner über den "neuen Hype Design Thinking" gesprochen."

Design Thinking" als Innovationsmethode liegt im Trend. Woher kommt dieses große Interesse und was steckt dahinter?
Ursprünglich wurde Design Thinking von der US Design- und Innovationsberatung IDEO in den Neunzigerjahren als Methode zur Lösung komplexer Probleme entwickelt. 2003 wurde dann die d.school an der Universität Stanford gegründet. Hier erkannte der SAP Gründer Hasso Plattner das Potential der Methode und gründete daraufhin das von ihm geförderte Hasso Plattner Institut (hpi) an der Universität Potsdam. Dort wird Design Thinking in Europa aktiv weiterentwickelt und gefördert. Im Kern ist Design Thinking eine Methode, um komplexe Probleme, deren Lösung nicht bekannt wird unter Einbezug der Perspektive der Nutzer bzw. Kunden zu lösen. Häufig werden solche Probleme auch als "wicked problems" bezeichnet.

Was ist das Besondere an dieser Methode im Vergleich zu anderen Innovationsmethoden?
Die Digitalisierung des Alltags bietet durch Dienste wie mobile Apps, Cloudservices und Anwendungen im Bereich Internet-of-Things (IoT) ein großes Innovationspotential für Organisationen. Durch immer kürzere Produktentwicklungszyklen in einer globalisierten Welt steigt der Innovationsdruck für die Unternehmen.Allerdings wird nicht jede technische Innovation automatisch ein Erfolg: Viele technische Gadgets scheitern daran, dass es keinen Bedarf der Nutzer gibt, oder an zu komplizierter Benutzung. Nur wenn diese Innovationen einen nachhaltigen Wert für die Nutzer liefern und effizient und effektiv zu benutzen sind, können sie auf breite Akzeptanz stoßen und somit Mehrwert für Nutzer und Gesellschaft schaffen.Hier setzt Design Thinking an und setzt die Nutzer und deren Bedürfnisse in das Zentrum jeder Produkt bzw. Dienstleistungsentwicklung. Kern des Design Thinking ist die sehr schnelle Entwicklung von Konzepten und Prototypen und das iterative Testen dieser Prototypen mit Nutzern. So erhält das Team schnell Feedback zu den entwickelten Ideen und kann das Konzept iterativ anpassen ohne bereits große Summen in Entwicklungsprojekte investiert zu haben.

Design Thinking folgt ja einem systematischen und iterativen Prozess. Können Sie kurz beschreiben was in den einzelnen Phasen passiert?
Design Thinking besteht aus sechs Phasen, die iterativ durchlaufen werden. Beginnt man ein Projekt neu, geht es zuerst darum im Team ein gemeinsames Problemverständnis herzustellen, d.h. zu klären um welche Nutzer es geht, und welche Bedürfnisse diese Nutzer haben. Anschließend werden in der Beobachtungsphase Nutzer in ihrem Kontext beobachtet und interviewt, um Empathie für die Nutzer und deren Probleme zu generieren. In der nächsten Phase entwickelt das Team eine gemeinsame Sichtweise auf das Problem durch die Auswertung der erhobenen Daten aus der Beobachtungsphase. Im Anschluss werden Ideen zur Problemlösung generiert, wobei es zu Beginn darum geht möglichst viele Ideen zu entwickeln und diese dann zu kondensieren. In der Prototypingphase werden aus den Ideen konkrete Ergebnisse gestaltet, mit denen Nutzer interagieren können. Abschließend werden diese Prototypen getestet, um zu lernen, wie die Nutzer mit den Prototypen interagieren. Je nach Ergebnis kann dann in eine vorhergehende Phase zurückgesprungen werden.

Können Sie Branchen oder konkrete Problemstellungen, Projekte nennen in denen diese Methode häufig eingesetzt wird und warum? Warum ist die Methode gerade hier so erfolgsversprechend?
Derzeit ist Design Thinking ein sehr aktuelles Thema in großen Konzernen: Unternehmen wie BMW, BSH Hausgeräte, IBM und Deutsche Bank setzen auf Design Thinking und versuchen Innovationsentwicklung neu zu denken. Auch bei den großen Unternehmen in unserer Region spielt Design Thinking bereits eine Rolle. Unternehmen versprechen sich von Design Thinking innovative Lösungen für die zuvor angesprochenen "wicked problems". Das Spektrum der entwickelten Lösungen ist breit und reicht von klassischen (analogen) Produkten über neue (digitale) Dienstleistungsangebote bis hin zu Softwareprodukten.

Ein recht weit verbreitetes Beispiel ist "Keep the change" der Bank of America. Hier wurden die Bedürfnisse der Kundengruppe der jungen Mütter analysiert, und es wurde festgestellt, dass Sparen für die Mütter ein emotionaler Akt ist, der aber durch die Dienste und Produkte der Bank nicht unterstützt wurde. Entstanden ist ein Konto, das alle Beträge bei Kartenzahlung automatisch auf den nächsthöheren Dollar aufrundet. Dieser Betrag wird dann den Kunden auf einem eigenen Sparkonto gutgeschrieben. Die Bank of America berichtet von 2,5 Millionen Neukunden im ersten Jahr nach Produkteinführung und einem Bekanntheitsgrad des Produkts von 95% innerhalb des Kundenstamms.

Ein weiteres Beispiel kommt von GE Healthcare und betrifft die Computertomographie bei Kindern. Durch Beobachtung der Kinder und deren Eltern, vor einer solchen Untersuchung, wurde erkannt, dass die größte Sorge der Eltern sich um die Frage dreht, wie sie Ihre Kinder durch das beängstigende Erlebnis einer Tomographie bringen können. Oft war dies nur durch medikamentöse Beruhigung der Kinder möglich. In einem Design Thinking Projekt wurden zusammen mit Kindern Entwürfe für kindgerechte Computertomographen entwickelt und mehrere Geräte und Räume in Kinderkrankenhäusern umgestaltet. Dabei reichte die Bandbreite der Themen von mit Akustik und beruhigenden Düften begleiteten Dschungelszenen bis zu Piratenschiffen. Diese Umbauten senkten den Einsatz von Medikamenten drastisch und die Kinder nehmen die Untersuchung jetzt als spannendes und positives Erlebnis wahr. Als Nebeneffekt erzielen die Krankenhäuser höhere Auslastungen ihrer Geräte bei geringerer Wartezeit durch unproblematischere Untersuchungen. Somit steigen die Zufriedenheit der Patienten und die Umsätze des Krankenhauses. Ohne die Empathie für die Kinder und deren Eltern wäre die kinderorientierte Umgestaltung nicht möglich gewesen, da das Problem unentdeckt geblieben oder einfach übersehen worden wäre.

Benötige ich für die Methode spezielle Fachkenntnisse oder Erfahrungen?
Nein, Design Thinking erfordert keine Vorkenntnisse. Wichtig ist alleine die Bereitschaft sich auf kreatives Problemlösen im Team einzulassen und ein innerer Antrieb nach innovativen Lösungsansätzen suchen zu wollen.

Design Thinking-Workshop mit Prof. Markus Heckner in der TechBase:

HIER können Sie sich zum Workshop am 5. und 6. September mit Prof. Markus Heckner anmelden. 

Über Prof. Markus Heckner:
Markus Heckner ist Professor für Medieninformatik an der OTH Regensburg und beschäftigt sich mit webbasierten und mobilen Anwendungen. Er war Mitglied im Innovation-Team der Accenture Information Management Services (AIMS) und Manager bei Ernst & Young (EY) im Bereich Customer.

Design Thinking, Usability Engineering und UX und zählen zu seinen Schwerpunkten. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit der Verzahnung von nutzerzentrierten Methoden wie Usability Engineering, Lean UX und Design Thinking mit agiler Softwareentwicklung mit Scrum.

Markus Heckner ist regelmäßig Mentor und Jurymitglied auf diversen Startup-Weekends und Hackathons. Er ist Juror beim Businessplan Wettbewerb BayStartUp.Er ist zertifizierter Usability und User Experience Professional des UXQB, und ein vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) zertifizierter Design Thinker.

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